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Bischof Franz Kamphaus: Der Mensch hat nicht Wert, der Mensch hat W√ľrde

Vortrag anlässlich der Eröffnungsveranstaltung des "Institutes Mensch, Ethik und Wissenschaft" am 1. März 2002 in Berlin

Die wohl bekannteste Gestalt mit einer Behinderung entstammt einem Roman von Victor Hugo. Sie hei√üt Quasimodo. Deren Geschichte als Gl√∂ckner von Notre Dame ist inzwischen zweimal verfilmt worden. Es gibt sie als H√∂rspiel und - hier in Berlin - zur Zeit als Musical. H√∂ren Sie, wie Victor Hugo (1833) die Reaktion auf das Findelkind beschreibt: "Es war ein eckiger, sehr beweglicher Klumpen, der in einem Sack steckte. Nur der Kopf schaute heraus ... ein missgestaltetes Ding. Man sah nur einen Wald fuchsroter Haare, ein Auge, einen Mund und Z√§hne. Das Auge weinte, der Mund schrie und die Z√§hne schienen Lust zum Bei√üen zu haben ... Die Menge, die sich best√§ndig vergr√∂√üerte, staunte und entsetzte sich dar√ľber ... Eine der Schaulustigen meinte: "Es ist ein wahres Ungeheuer von Scheu√ülichkeit, dieses sogenannte Findelkind"; eine andere erg√§nzte: "Ich glaube, es ist ein Tier, der Bastard eines Juden und einer Sau; irgendetwas Unchristliches ist es ganz gewiss" ... "Man m√ľsste es ins Wasser oder ins Feuer werfen."

I.

Eines zeigt schon dieser erste Teil der Geschichte des Quasimodo: Das √úberleben behinderter Menschen h√§ngt entscheidend davon ab, wie die Gesellschaft sie wahrnimmt. Von je her gab es ihnen gegen√ľber Formen der Abgrenzung, die oft zur Ausgrenzung f√ľhrten. [Als "Kr√ľppel" und "Schwachsinnige" abgestempelt, hatten sie noch nie viel zu lachen. In der Antike waren griechische und r√∂mische Sch√∂nheitsideale ma√ügebend: perfekte Menschen mit perfekten K√∂rpern. Sie wurden in der Kunst vor Augen gef√ľhrt. Wer diesem Ideal nicht entsprach, war der Darstellung nicht w√ľrdig. Der gro√üe Plato forderte, verkr√ľppelte Kinder auszusetzen.] Es war ein langer Weg vom Tollhaus bis zur Werkstatt f√ľr Behinderte. Heute gibt es Arbeitspl√§tze in der freien Wirtschaft und Verwaltung - wenn auch zu wenige -, es gibt F√∂rderprogramme und finanzielle Verg√ľnstigungen. Dennoch, allzu oft sind archaische und barbarische Vorstellungen nicht wirklich √ľberwunden. Sie kommen ans Licht, wenn etwa - wie vor zwei Jahren - eine Fernseh-Moderatorin Behinderte als "hoffnungslos h√§ssliche Menschen" und "menschliche Naturkatastrophen" bezeichnet. Das sind Zeichen einer Kulturkatastrophe, die ein Institut wie dieses herausfordern. Wir machen uns nichts vor: Wenn wir Menschen mit schweren Behinderungen sehen, weichen wir fast instinktiv aus. Die Irritation angesichts k√∂rperlich oder geistig behinderter Menschen ist tief in die Evolution des Lebendigen eingeschrieben, sie sitzt uns in den Knochen, und wird heute durch den Kult von Vitalit√§t und St√§rke gef√∂rdert. Niemandem ist ein Vorwurf daraus zu machen, dass er verunsichert ist und abwehrend reagiert, wenn er behinderten Menschen begegnet. Aber das ist keine Rechtfertigung, sondern eine Herausforderung: Wir haben lebenslang daran zu arbeiten, Behinderte in Freiheit und Liebe zu w√ľrdigen wie jeden anderen Menschen. Das gerade ist Ausdruck von Kultur. Viele sehen in k√∂rperlichen und geistigen Behinderungen im wesentlichen eine biologisch-medizinische St√∂rung normaler K√∂rperfunktionen. Das Normale ist der Ma√üstab des vollg√ľltigen menschlichen Lebens. Normal gleich rundum funktionst√ľchtig! Wer das nicht bringt, ist behindert. So gesehen wird eine Behinderung fast automatisch zur "Minus-Variante des normalen" (A. Lob-H√ľdepohl). Das Minus als Vorzeichen vor dem ganzen Leben - das kann doch nicht wahr sein. Statt behinderte Menschen immer nur in der Perspektive ihres Unverm√∂gens zu sehen, gilt es die Augen zu √∂ffnen f√ľr ihre F√§higkeiten. Wer Behinderung mit Leiden gleichsetzt, der √ľbersieht viel Lebensfreude, viel Charakterst√§rke in der Art, wie Betroffene Einschr√§nkungen ins eigene Leben integrieren. Im Atelier der Lebenshilfe Frankfurt arbeiten derzeit 18 geistig behinderte Maler und Bildhauer. Nicht ihre Behinderung weckt ihre Kreativit√§t, sondern ihre Begabung. Selbstwertgef√ľhl und Selbstverst√§ndnis beruhen doch nicht auf unseren Defiziten, sondern auf unseren F√§higkeiten und M√∂glichkeiten. Hier soll nicht das Leben von und mit behinderten Menschen sch√∂n geredet werden. Es gibt unter ihnen Verzweifelte, die lieber tot sein m√∂chten als dass sie leben. Sie k√∂nnen ihr Leben nicht annehmen, weil sie selbst von ihrer Umwelt nicht angenommen sind. Genau das macht ihre eigentliche Behinderung aus; genau das k√∂nnen wir √§ndern, wenn wir es √§ndern wollen. Nicht k√∂rperliche oder geistige Beeintr√§chtigungen als solche, sondern deren soziale Folgen, die Reaktion der Anderen lassen behinderte Menschen in erster Linie an ihrem Leben verzweifeln. Im Klartext: Behindert wird man nicht allein durch eine k√∂rperliche oder geistige Beeintr√§chtigung, sondern durch eine behinderte Gesellschaft, die Fremdheitserfahrungen nicht verarbeitet oder sie als Bedrohung ihres Selbstwertes versteht. Ein betroffener Vater hat das vor kurzem in einem Leserbrief in "Die Zeit" so beschrieben: ["Vorweg: Ich kann gut verstehen, warum f√ľr viele Eltern Fr√ľherkennung in der Schwangerschaft so wichtig ist. Wer m√∂chte schon, dass sein Kind mit einer Behinderung geboren wird? Vor drei Jahren kam meine Tochter Karolina auf die Welt - Karolina hat das Down-Syndrom. Schwerer Herzfehler, OP mit vier Monaten, Krankenhausaufenthalte, Infekte, Muskel-Hypotonie, geistige Behinderung - mit diesen Problemen mussten wir zun√§chst lernen umzugehen. Konfrontiert wurden wir auch mit den Reaktionen der Umwelt. H√§ufige Frage von Bekannten und Freunden: Konntet ihr das nicht verhindern? Ehrlich, ich wei√ü nicht, wie wir entschieden h√§tten, w√§re uns der Befund vor der Geburt bekannt gewesen. Mit meinem heutigen Wissen w√ľrde ich mich klar gegen eine Abtreibung eines Kindes mit Trisomie 21 aussprechen.] Karolina, ein dreij√§hriges, gl√ľckliches M√§dchen mit Down-Syndrom, meine Tochter: lieb, laut, lustig. Ihr kleines Leben ist nicht die H√∂lle - auch wenn es unwissende Zeitgenossen nicht glauben m√∂gen. Die H√∂lle ist, wenn √Ąrzte in den Kliniken nicht in der Lage sind, geschockte Eltern eines neugeborenen behinderten Babys einf√ľhlsam aufzukl√§ren. Die H√∂lle ist, wenn die Menschen auf der Stra√üe nur glotzen, sich nicht trauen zu fragen. Unwissenheit, Ignoranz und Intoleranz sind es, die ein Leben mit Behinderung zur H√∂lle machen k√∂nnen" (Ulf Rasch). Die F√§higkeit Behinderte anzunehmen, h√§ngt wesentlich davon ab, wie wir mit unseren eigenen Behinderungen und Einschr√§nkungen fertig werden. Wir sind eine Gesellschaft von Menschen, von denen keiner ganz schwach und keiner ganz stark ist, keiner nur behindert und keiner ganz unbehindert. Es kommt darauf an, dass wir uns mit unseren St√§rken und Schw√§chen erg√§nzen, einer die Last des anderen tr√§gt, mit der Schulter, die er gerade frei hat. "Was wir k√∂nnen und was wir nicht k√∂nnen, das alles geh√∂rt uns gemeinsam. Und f√ľr uns miteinander wirds schon reichen", sagt der evangelische Pfarrer Ulrich Bach, der seit dem 23. Lebensjahr an den Rollstuhl gebunden ist.

II.

Noch vor drei√üig Jahren gab es kaum eine M√∂glichkeit, Behinderungen vor der Geburt festzustellen. Das hat sich heute durch neue Methoden der Fr√ľherkennung grundlegend ge√§ndert. Die Medizin verf√ľgt √ľber M√∂glichkeiten, Behinderungen im Mutterleib zu erkennen: Pr√§nataldiagnostik. Zugleich erleben sich die Menschen heute immer mehr als autonome Subjekte: Was fr√ľher als Schicksal erlebt wurde, meint man heute selbst in die Hand nehmen zu k√∂nnen. Dem entspricht ein immer st√§rkerer Wille, die Natur, die Gesellschaft, nicht zuletzt sich selbst, den eigenen K√∂rper und das eigene Leben zu gestalten. Aus dieser Sicht vollenden Genforschung und Gentechnik eine Entwicklung, die sich dadurch zuspitzt, dass der Gestaltungswille auf den Menschen selbst zielt. Darin liegt das Neue der gegenw√§rtigen Herausforderungen: Der Bereich elterlicher Verantwortung weitet sich in bislang unbekannter Weise. Zwischen Zeugung und Geburt eines Menschen schiebt sich mit den neuen M√∂glichkeiten eine Entscheidung mit zweischneidigen Folgen. Auf der einen Seite erh√∂hen sich die therapeutischen Chancen, zugleich aber w√§chst die Tendenz, auszuw√§hlen zwischen solchen Menschen, die geboren werden und solchen, die vor der Geburt abgetrieben werden. Damit werden unter der Hand bestimmte Menschen per se zu einem unerw√ľnschten Risiko. Die Entscheidung, dieses Risiko zu tragen, f√§llt nicht nur in den Verantwortungsbereich der Eltern; sie ger√§t im Ernstfall unversehens zu ihrer "Schuld". Wer in Zeiten vorgeburtlicher Diagnostik noch ein erbkrankes Kind zur Welt bringt, ist "selbst schuld"; er hat darum auch s√§mtliche Lasten und Kosten zu tragen und nicht andere zu behelligen. Zur Debatte stehen weniger analytische oder diagnostische Verfahren als solche, sondern mehr eine durch sie gef√∂rderte Einstellung des Menschen gegen√ľber dem Menschen. Es ist in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreich, wie sich die pr√§natale Diagnostik entwickelt hat (bei der bevorstehenden Diskussion um PID wird daran zu erinnern sein). Urspr√ľnglich sollte sich die genetische PD nur auf Personen mit dem begr√ľndeten Verdacht beziehen, erblich vorbelastet zu sein. Aber sie hat sehr schnell Sogwirkungen ausgel√∂st und bestimmte Erwartungshaltungen beg√ľnstigt. Je mehr vorgeburtliche Diagnosem√∂glichkeiten zur Verf√ľgung standen, desto schneller wurde die PD zum regul√§ren Bestandteil der Schwangerschaftsvorsorge. 1996 wurde eine zus√§tzliche Ultraschalluntersuchung in die Richtlinien der Mutterschaftsvorsorge aufgenommen, die ausschlie√ülich auf den Nachweis von Fehlbildungen abzielt. Diese st√ľrmische Entwicklung hat vor allem zwei Gr√ľnde: Zum einen hat die Rechtsprechung bei √Ąrzten und √Ąrztinnen die Angst vor Schadenersatzanspr√ľchen verst√§rkt, zum anderen f√ľhlen sich immer mehr Frauen durch die Gefahr eines Erbleidens bei ihrem Kind beunruhigt und erwarten von PD psychische Entlastung. Infolge des Ausbaus der PD stieg die Zahl jener F√§lle, die sehr bezeichnend als "Risiko-Schwangerschaften" gelten. Deutschland erreicht dabei im internationalen Vergleich den h√∂chsten Wert von 60 bis 70 Prozent aller Schwangerschaften. Gem√§√ü dem Motto "gesund sein" hei√üt nur "schlecht untersucht sein", verwandelt sich schlie√ülich jede Schwangerschaft in eine "Risiko-Schwangerschaft". Diese Einstufung h√§ngt ja schon lange nicht mehr nur davon ab, wie intensiv und mit welchen Methoden nach einem Gen-Schaden gesucht wird; entscheidend ist, nach welchen Kriterien (von wem?) festgelegt wird, welche Eigenschaften unerw√ľnscht sind. √úber kurz oder lang werden weit √ľber streng medizinische Ma√üst√§be hinaus immer √∂fter Trend-Vorstellungen bestimmen, wie ein "Wunschkind" auszusehen hat und welche Abweichungen von diesem Idealbild als noch ertr√§glich empfunden werden. Schon jetzt ist die Auswahl des Geschlechts in einigen L√§ndern weit verbreitet. Berichte geistern durch die Illustrierten, nach denen man per Internet Samen oder Eizellen von besonders sch√∂nen oder besonders intelligenten Menschen kaufen kann.

Niemand sollte sich dar√ľber hinwegt√§uschen, dass im Ergebnis eben das geschieht, was den Nationalsozialisten bei ihrer eugenischen Politik vorschwebte, selbst wenn ihre rassistische Ideologie und ihre √§sthetischen Vorbilder heute keine ma√ügebliche Rolle mehr spielen, geschweige denn staatlich verordnet sind. Im Grunde handelt es sich um eine zunehmend verfeinerte Qualit√§tskontrolle f√ľr Embryonen, die positiv ein m√∂glichst perfektes "Designer-Baby" zu garantieren sucht, die negativ nach Ausschuss-Ware fahndet, die der M√ľhe und Kosten ihrer "Aufzucht" nicht wert ist. Ist es nicht verr√§terisch, dass von den Anf√§ngen der Eugenik an das volkswirtschaftliche bzw. √∂konomische Argument eine gro√üe Rolle spielte und noch immer spielt? Noch einmal: Wer kraft seiner eigenen und freien Entscheidung "Ausschuss produziert", hat auch alleine daf√ľr gerade zu stehen. Er kann nicht auf die Solidarit√§t anderer hoffen oder sie gar einfordern. PD versch√§rft somit die Gefahr, nicht nur nach den Schw√§chen zu fahnden, sondern nach den Schwachen, "unwertes" Leben zu "entsorgen". Faktisch wird die Solidargemeinschaft mit den betroffenen Eltern und Kinder aufgek√ľndigt. Hier gilt es, auf der Hut zu sein. Der Umgang mit behinderten Menschen vor der Geburt ist ein Menetekel f√ľr den Umgang mit behinderten, schwachen und alten Menschen √ľberhaupt. Wem eigentlich soll es einleuchten, dass die Gr√ľnde, die nach der Geburt f√ľr eine Benachteiligung vollmundig abgelehnt werden, vor der Geburt f√ľr eine T√∂tung sprechen? Dieser Mangel an Plausibilit√§t spricht daf√ľr, dass hinter dem Dr√§ngen auf vorgeburtliche Diagnostik als treibendes Motiv nicht nur eine "Ethik des Heilens" zu suchen ist; es steckt zumeist auch der Wunsch dahinter, selbst entscheiden zu k√∂nnen, ein krankes oder behindertes Kind zur Welt zu bringen oder nicht. In einer pluralen Gesellschaft sind nicht nur die g√§ngigen Argumentationslinien zu analysieren, sondern auch die ihnen zugrunde liegende jeweilige Ethik. Hier sehe ich eine wichtige Aufgabe des Instituts. Wissenschaftler sprechen inzwischen von einem breit vertretenen "Selektionskonsens", der in den meisten F√§llen mit schwerwiegendem Befund in einem Abbruch der Schwangerschaft endet. Im Zeitalter der pr√§natalen Diagnostik sind die meisten Frauen nicht mehr "guter Hoffnung", sondern voller √Ąngste. Vielfach gehen sie - so Psychologen - eine "Schwangerschaft auf Probe" ein, sie akzeptieren ihre Schwangerschaft erst nach einem gesunden Befund. W√ľnsche und √Ąngste entspringen nicht allein dem Innern betroffener M√ľtter und V√§ter, nicht nur pers√∂nlichen Konstellationen und famili√§ren Verh√§ltnissen. Sie werden gesellschaftlich konstruiert. Man spricht vom Zeitgeist. Er bestimmt wesentlich das Bild vom Wunschkind mit. Hier nicht zuletzt entsteht der Entscheidungsdruck, der auf einer "Risiko-Schwangerschaft" lastet. Die gegenw√§rtige Gesellschaft bietet kaum noch verbindliche Orientierungshilfen und b√ľrdet vor allem den Frauen jene Entscheidungslast auf, die sie nach dem lautstark proklamierten "Tod Gottes" im Zeichen der Selbstbestimmung selbst zu schultern vorgibt. Noch ist Pr√§natale Diagnostik keine Pflicht. Sie darf nicht zur Routine werden. Es kommt darauf an, dass die betroffenen Frauen und Eltern zu einer eigenst√§ndigen, verantwortungsbewussten Entscheidung kommen: Wollen sie das Wissen √ľber ihr Kind erweitern oder nicht? Sie haben ein Recht auf Nichtwissen, ein Recht darauf, ihr Kind ohne Untersuchung so anzunehmen, wie es zur Welt kommt. Das Schwangerschaftskonfliktgesetz garantiert in ¬ß 2 einen Anspruch auf umfassende Beratung. Deshalb sollten im M√ľtterpass nicht nur die m√∂glichen und verpflichtenden Untersuchungen eines Arztes notiert werden, es sollte dort auch eine Eintragung erfolgen, die auf die M√∂glichkeiten der Beratung durch unabh√§ngige Beratungsstellen hinweist. [Was passiert jedoch, wenn die Untersuchung eine schwere Behinderung erkennen l√§sst? F√ľr diesen Fall ist die Gesetzeslage v√∂llig ungen√ľgend. Fr√ľher bestand neben der medizinischen Aufkl√§rung die Pflicht zur psychosozialen Beratung. Als die embryopatische Indikation 1995 als selbst√§ndiger Gesetzestatbestand aufgehoben wurde, entfiel diese Pflicht. Es blieb allein die medizinische Beratung. Die besondere Zust√§ndigkeit der √Ąrztinnen und √Ąrzte steht au√üer Frage. Aber allein k√∂nnen sie den √§u√üerst schwierigen Situationen nicht gerecht werden. Sie kl√§ren auf. Durch die Aufkl√§rung geraten die Betroffenen in einen schweren Konflikt. Hier setzt die Aufgabe der psychosozialen Beratung ein. Sie dient dazu, Menschen emotional aufzufangen, eine konfliktive Situation zu kl√§ren, m√∂gliche Konsequenzen zu erfassen und abzuw√§gen, um zu einer verantworteten Entscheidung zu kommen. Eine gute Beratung w√§chst in Kooperation mit Hilfsangeboten vor Ort, mit Selbsthilfegruppen oder entsprechenden Verb√§nden, mit anderen sozialen Einrichtungen. Es kommt darauf an, die Entscheidungs- und die Beratungslast auf mehrere Schultern zu verteilen. Die Erfahrungen des New-England-Medical-Centers, einer unabh√§ngigen Stiftung in Boston, belegen eindrucksvoll, was eine umfassende, auf die besondere Konfliktsituation zugeschnittene Beratung bewirkt. Dort entschlossen sich viermal mehr Eltern als im internationalen Durchschnitt, eine "Risiko-Schwangerschaft" durchzutragen.] Gesellschaft und Staat k√∂nnen sehr viel tun, um das Zusammenleben mit Behinderten von Anfang an zu erleichtern. An der Bereitschaft, den Betroffenen auch finanziell beizustehen, zeigt sich, wie ernst der Schutz des Lebens wirklich genommen wird, wie weit das Mitgef√ľhl reicht. Ob sich hinter dem Mitleid nicht allzu oft ein blo√ües Selbstmitleid unserer Gesellschaft verbirgt, die sich vor zus√§tzlichen Belastungen sch√ľtzen will? Wie also w√§re es, wenn sich die F√ľrsorge der Gesellschaft zuerst einmal darauf konzentriert, die Lebensbedingungen betroffener Kinder und Eltern nachhaltig zu verbessern, anstatt solches Leben auszul√∂schen?

III.

Behinderte sind der Ernstfall, in dem sich die Unantastbarkeit der W√ľrde des Menschen zu bew√§hren hat. Nicht wenige halten das Wort Menschenw√ľrde f√ľr eine Leerformel, eine Art Joker, von den Kirchen mit Vorliebe eingesetzt, wenn ihnen keine sachlich √ľberzeugenden Argumente mehr einfallen. In Wahrheit verh√§lt es sich eher umgekehrt: Zur ideologischen Sprechblase verkommt die Berufung auf die menschliche W√ľrde durch die Vern√ľnftelei derer, die straffreie Sterbehilfe f√ľr Todkranke fordern statt bessere Palliativmedizin und mehr Hospize, die Abtreibung menschlicher finden als die Sorge f√ľr kranke und behinderte Kinder und ihre Eltern. Die Argumente klingen stets wohlmeinend, meist sprechen sie von unertr√§glichem Leid und Mitleid, von Freiheit und Fortschritt, manchmal offen von zu hohen Kosten und zu geringem wissenschaftlichem Nutzen. Immer aber wird die W√ľrde eines Menschen verwechselt mit dem, was oft unbedacht als Wert oder Unwert eines Lebens bezeichnet wird. Der Mensch hat nicht Wert, der Mensch hat W√ľrde. Das Wort "Wert" stammt vom Markt, aus der √Ėkonomie. Damit ist es nicht disqualifiziert, aber seine Aussagekraft ist eingeschr√§nkt, wenn es um Unbezahlbares geht. "Was ist das wert?", fragen wir. Wir kennen Messwerte, Grenzwerte oder Wertpapiere. Sie unterliegen der Definition des Menschen, sie sind verhandelbar: Grenzwerte werden von Kommissionen festgelegt, Messwerte sind statistische Ergebnisse von Experimenten, Geldwerte unterliegen den Schwankungen von Wechselkursen. All das zeigt: Der Wert h√§ngt von der Bewertungsgrundlage ab, √§ndert sich mit ihr und kann gegen Null gehen. W√ľrde dagegen eignet einem Menschen als Menschen. Kant hat das klar formuliert: "Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes ... gesetzt werden; was dagegen √ľber allen Preis erhaben ist ... das hat eine W√ľrde" (Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 2, AA, S. 434). Die darf man nicht zu Markte tragen und dar√ľber verhandeln. Die ist nicht austauschbar oder verf√ľgbar. Sie ist nicht an Bedingungen gekn√ľpft, sondern gilt unbedingt. Sie sch√ľtzt davor, dass der Mensch Mittel zum Zweck wird. Das ist unter seiner W√ľrde. Ich verf√ľge nicht √ľber meine W√ľrde, schon gar nicht √ľber die W√ľrde eines Anderen. Das ist eine Relativierung der Selbstbestimmung. Absolute Autonomie im Zeichen des Machens und Unantastbarkeit - das ist eine unheimliche Spannung, ein ungel√∂ster Konflikt im Projekt Moderne. Wenn die Haltung des nicht antastenden Annehmens eines uns vorgegebenen und nicht zu machenden Menschenlebens verschwindet, werden wir keine Ethik der W√ľrde mehr haben, sondern am Ende nur noch eine Ethik der Erfolgsinteressen, in welcher sich das von Gesundheitskonzernen stimulierte Bed√ľrfnis nach Fitness zu einer neuen Religion verselbst√§ndigt. Im Handumdrehen tr√§gt dann die Selektion die Maske der Selbstbestimmung, die Vernichtung von Menschen die Maske des Mitleids. Die Wissenschaften im neuzeitlichen Sinn schauen auf Teilbereiche der Wirklichkeit. Sie entwickeln Verfahren, um gewisse Gesetzm√§√üigkeiten in Natur und Gesellschaft zu entdecken. Sie k√∂nnen dadurch unser Verf√ľgungswissen erweitern, aber keine Sinnaussagen machen. Sie sagen uns, was wir tun k√∂nnen; sie sagen uns nicht, was wir tun sollen. Der bewusst gesteuerte Wandel der "Gentechnik" zu "Lebenswissenschaften" soll genau das kaschieren. Dann tritt durch die neuen Biotechniken eine Welt der totalen Machbarkeit in den Blick. Unser Verf√ľgungswissen vergr√∂√üert sich explosionsartig, aber unser Orientierungswissen hinkt hoffnungslos den potenzierten Handlungsm√∂glichkeiten hinterher. Der Versuch, vom evolution√§ren Denken her ein humanes Ethos zu begr√ľnden, bietet wenig Tr√∂stliches. Kategorien wie Liebe und Erbarmen sind hier von vornherein ausgeschlossen. Schl√ľsselbegriffe des evolution√§ren Denkens sind Selektion, Kampf ums √úberleben, Belohnung der St√§rkeren. Was mit denen geschieht, die dabei zu kurz kommen oder auf der Strecke bleiben, findet letztlich keine Antwort. Der Mensch wird sich auf Dauer nicht damit begn√ľgen, nur Fakten festzustellen oder herzustellen. Person ist etwas anderes als ein naturwissenschaftliches Objekt. "Der szientistische Glaube an eine Wissenschaft, die eines Tages das personale Selbstverst√§ndnis durch eine objektivierende Selbstbeschreibung nicht nur erg√§nzt, sondern abl√∂st, ist nicht Wissenschaft, sondern schlechte Philosophie" (J√ľrgen Habermas, Frankfurter Rede). "Mensch - Ethik - Wissenschaft", der Titel ist Programm, spannungsreich, einfach spannend. Ein Kontrapunkt zu der g√§ngigen Trias Wissenschaft - Technik - Markt. J√ľrgen Habermas hat in seiner Frankfurter Rede den Begriff der Gottebenbildlichkeit in Erinnerung gebracht. Die "Gesch√∂pflichkeit des Ebenbildes dr√ľckt eine Intuition aus, die in unserem Zusammenhang auch dem religi√∂s Unmusikalischen ... etwas sagen kann." "Gott ist tot", ruft der "tolle Mensch" in Nietzsches "Fr√∂hlicher Wissenschaft". Was aber ist, wenn Gott tot ist? Der Schrei "Wohin ist Gott?" findet bei Nietzsche ein Echo, das nachdenken l√§sst. Es lautet: "Wohin denn der Mensch?" Diese Frage stellt sich heute in aller Sch√§rfe: Wohin geht der Mensch, wenn er sich von Gott verabschiedet hat. Geht er zum Teufel? Oder vor die Hunde? Er wird heute immer mehr sein eigenes Experiment. Alles wird technisch produzierbar, am Ende auch der produzierende Mensch. Er produziert sich selbst. Wer dem widerstehen will, wird wohl schlie√ülich und endlich die Aufkl√§rung in den Horizont des Gottesglaubens r√ľcken und den Umkehrschluss zu Nietzsche riskieren m√ľssen: Wer die W√ľrde des Menschen wahren will, kann das, wenn es zum Schwure kommt, kaum anders, als wenn er in Erinnerung h√§lt, was mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen ausgesagt ist.

Den Ausgang der Eingangsgeschichte will ich Ihnen zum Schluss nicht vorenthalten. Dem Gl√∂ckner von Notre Dame - von den Menschen wie ein Monster begafft - geschah nichts, obwohl das Feuer schon angez√ľndet war. Ein junger Pfarrer, der abseits gestanden und alles mit angeh√∂rte hatte, trat vor und legte die Hand auf ihn. "Ich nehme dieses Kind an", sagte er gerade noch rechtzeitig. Er nahm es auf den Arm und trug es fort, taufte es dann und gab ihm den Namen zum Ged√§chtnis des Tages, an dem er es gefunden hatte: Quasimodo. ("Quasi modo geniti infantes"). Mit anderen Worten: Er ist ein Gotteskind. Der Pfarrer unterrichtete seinen Adoptivsohn selbst und machte ihn, zum Erzdechanten aufgestiegen, schlie√ülich zum Gl√∂ckner von Notre Dame. Dort lebt der Verwachsene in einem Heiligtum von unendlicher Harmonie und h√§ngt die W√ľrde seines behinderten Lebens an die gro√üe Glocke.

Bischof Prof. Dr. Franz Kamphaus, Limburg

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