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Freunde & Förderer

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Testimonial Röspel

René Röspel
René Röspel, Mitglied des Deutschen Bundestages
„Die wissenschaftsbasierten Stellungnahmen des IMEW besitzen in den wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Debatten zu Recht einen exzellenten Ruf. Ich habe für ethische Debatten im Bundestag Ihre Papiere auch deshalb immer mit großem Interesse gelesen.“

Laudatio für Professor Dr. Volker Schönwiese

Dr. Christian Mürner, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des IMEW

Zur Verleihung des zweiten IMEW-Preises am 10. Okt. 2008 im Haus der Lebenshilfe Berlin

Lieber Volker Schönwiese, sehr geehrte Damen und Herren,

Volker Schönwiese erhält den Preis des Instituts „Mensch, Ethik und Wissenschaft“ für alle seine Aktivitäten und Publikationen. Ins Blickfeld gerät damit die ganze Person. Vorwegnehmend lässt sich sagen:

Prof. Dr. Volker Schönwiese zählt zu den wirkungsvollsten Multiplikatoren für die Idee der Expertise in eigener Sache und der Integrationspädagogik.

Ich habe meine Lobrede für den zweiten Preisträger entsprechend dem Institutsnamen „Mensch, Ethik und Wissenschaft“ in drei kurze Abschnitte gegliedert. Ich schildere Ihnen also ein paar Aspekte erstens zur Biografie, zweitens zur ethischen Position und drittens zum wissenschaftlichen Ansatz des Preisträgers.

1.

Volker Schönwiese wurde 1948, genau vor sechzig Jahren, in Graz geboren. Er besuchte in Kufstein die Volksschule. Mit zehn Jahren, 1958, kam er, wie er selbst sagt, „in den Kreis der Behinderten“. Es war der Beginn der Erkrankung an chronischer Polyarthritis, der Entzündung an mehreren Gelenken gleichzeitig. Der damals bekannte Innsbrucker Professor für Kinderheilkunde Hans Asperger – dessen Lehrbuch zur „Heilpädagogik“ gerade in zweiter Auflage erschienen war – schrieb in einem Gutachten, dass „nur hochintelligente Kinder Polyarthritis bekommen“ könnten. Dieser grandiosen Fehldiagnose verdanke er sehr viel, sagt Volker Schönwiese, aber im Ernst fügt er hinzu, dass Asperger ihm sehr persönlich und freundlich begegnet sei.[1]

Schönwieses Eltern hatten sich sehr um seine Schulkarriere gekümmert, ihn aber auch von Therapie zu Therapie befördert, mit der Absicht, dass er geheilt werde. Den Rollstuhl konnten sie nicht akzeptieren, er galt ihnen als Symbol der therapeutischen Niederlage. Seine Klinikaufenthalte empfand Volker Schönwiese als gewaltsam, obwohl sie ihm oft das Leben retteten, isolierten sie ihn und hinderten ihn an unabhängigen Erfahrungen.

1968 schrieb er sich an der Universität Innsbruck ein, Hauptfach Psychologie, Nebenfach Pädagogik. Volker Schönwiese bemerkt: „Die Uni war für mich die große Befreiung – sozial und intellektuell.“ Diese Befreiung stand im Zusammenhang mit der 68er-Bewegung und der kritischen Psychologie. Das 1967 auf deutsch erschienene Buch des amerikanischen Soziologen Erving Goffman mit dem Titel „Stigma“ stimulierte ihn.[2] Er wurde Mitbegründer einer Selbsthilfegruppe von behinderten und nichtbehinderten Frauen und Männern und initiierte den „Mobilen Hilfsdienst Innsbruck“.

1980 promovierte Volker Schönwiese. Seine Habilitationsschrift von 1993 behandelte das Thema „Integrationspädagogik als nichtaussondernde und aktivierende Behindertenpädagogik“. 1997 gründete er das Projekt bidok (die Abkürzung für behinderten integration dokumentation),[3] eine Internet-Volltext-Bibliothek zu Themen der Behindertenpolitik und der „disability studies“. Diese erfolgreiche und einzigartige virtuelle Bibliothek ohne Zugangsbeschränkung versammelt zur Zeit gut über tausend Fachtexte. Man könnte Volker Schönweise in diesem Zusammenhang als einen herausragenden Bibliothekar der Behindertenbewegung und der Inklusion bezeichnen. Seit fünfzehn Jahren ist Volker Schönwiese außerordentlicher Universitätsprofessor in Innsbruck.

Zwar erscheinen die folgenden zwei abschließenden biografischen Daten für die berufliche Stellung kaum entscheidend, sie sind aber sicher privat bedeutungsvoll. Im Jahr 2000 zog Volker Schönwiese mit seiner Frau zusammen, der Sozialwissenschaftlerin Petra Flieger, die ich hiermit auch begrüßen möchte. Und im Dezember 2000 wurde ihr Sohn Niklas geboren. (Hallo Niklas!) Damit kann ich zu meinem zweiten Punkt übergehen, zur ethischen Position von Volker Schönwiese. Denn es heißt:

2.

Wenn die Anderen ins Spiel kommen, beginnt die Ethik.[4] Die Rolle der Anderen ist entscheidend für das Verhältnis von Autonomie und Abhängigkeit.

Volker Schönwiese weist in einem seiner Aufsätze zur bioethischen „Neubewertung des Lebens“[5] darauf hin, welche Beweislast den betroffenen Personen aufgezwungen wird, wenn sie im Kontext der „Euthanasie“-Fantasien Erwähnung finden. Die Nötigung zur Rechtfertigung der eigenen Existenz sei, sagt Volker Schönwiese, ein Macht-Diskurs. Dieser Macht-Diskurs führe zum „Verlust der Verantwortlichkeit in der Wissenschaft“. Dagegen postuliert Volker Schönwiese, dass eine „ganzheitliche Vorstellung vom Menschen“ in dessen eigenständigen Entwicklungschancen liege. Damit entsprechende Erfahrungen möglich würden, sei eine „Übersetzung bestimmter fachlicher Kenntnisse“ in die Alltagssprache erforderlich. Vor allem in der Team-Arbeit könnten dann auch (ich zitiere) „die Eigenäußerungen der Betroffenen besser verstanden“ und eine wechselseitige „Beziehungssicherheit“ erreicht werden.[6]

Ich kann leider Schönwieses sorgsame ethische Haltung hier nicht weiter ausführen. Ich möchte aber dazu kurz Folgendes erzählen.

Ich saß eines Tages mit Volker Schönwiese bei ihm zu Hause am Küchentisch und wir wähnten uns – ich denke, das vereinfacht so sagen zu können – zum wiederholten Mal ganz nah an der Lösung eines Problems, als wir von Niklas, seinem Sohn, unterbrochen wurden. Die pädagogisch wertvolle Fernsehsendung, die Niklas sehen durfte, plus eine wegen des wissenschaftlichen Diskurses mögliche Zugabe, war zu Ende. Niklas schlug vor, „Mensch ärgere Dich nicht“ zu spielen. Wir sahen uns an – ja warum eigentlich nicht? Volker Schönwiese, jetzt mehr in der Rolle als Vater, doch auch zur Klärung gegenüber dem Besucher, sagte zu seinem Sohn, dass ihm aber die Regeln bekannt seien und es dazu bei dem Spiel keine Ausnahmen geben könne. Das war ein Ethik-Grundkurs am Küchentisch! Ich gehe davon aus, dass Sie das Spiel kennen und wissen, dass es am Anfang kaum Konflikt beladen ist. Es dauert eine Weile bis diese typischen Figuren in den klaren Farben ins Spiel kommen. Aber dann kann man, wie man es mehr oder weniger vornehm ausdrückt, wieder nach Hause geschickt werden. Da gibt es nichts mehr zu Lachen und das ärgert einem. Unser Preisträger, pädagogisch einfühlsam, kündigte gegenüber seinem Sohn diese Möglichkeit an, die dann eintraf und, da es das erste Mal war, einigermaßen ruhig hingenommen wurde. Doch dann machte Niklas seinem Vater den Vorschlag: Wir könnten doch auch zusammenspielen, ich störe dich nicht, du mich nicht. Ja eben, Ethik ist, wie man die Anderen einbezieht. Damit komme ich im dritten Abschnitt zum wissenschaftlichen Ansatz von Volker Schönwiese und kann Sie mit einem außerordentlichen Projekt bekannt machen.

3.

Es geht um das vom Transdisziplinären Forschungsprogramm des österreichischen Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Wien in den Jahren 2005 und 2006 finanzierte Projekt mit dem Titel „Das Bildnis eines behinderten Mannes“. Das Original dieses Bildnisses aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hängt in der Kunst- und Wunderkammer des Erzherzogs Ferdinand II. von Tirol im Kunsthistorischen Museum Schloss Ambras bei Innsbruck. Das „Bildnis eines behinderten Mannes“ ist eines der ersten und einzigartigen Porträts in der noch ungeschriebenen Geschichte der Menschen mit Behinderung.

Das Projekt unter Leitung von Volker Schönwiese wollte herausfinden, wer auf diesem Bildnis dargestellt wird und welche Lebensgeschichte zu dem Mann gehört. Aus den Inventaren auf Schloss Ambras war nur eine frühe dürftige Beschreibung bekannt. Das „Bildnis eines behinderten Mannes“ ist auch wissenschaftlich bisher nicht beachtet worden. Zur Bedeutung der dargestellten Behinderung fehlte ein kulturgeschichtlicher Ansatz, allein die mutmaßliche medizinische Diagnose fand Erwähnung: Arthrogrypose (Gelenksteife).

Grundlage des Forschungsprojekts war die partizipatorische Methode, das heißt die Kooperation von gut einem Dutzend Beteiligten – Kunsthistorikern, Medizinern, Psychologen, Sozialpädagogen, Künstlern – beiderlei Geschlechts, unterschiedlichen Alters, mit oder ohne Behinderung. Die praktische und theoretische Verankerung der Perspektiven unterschiedlicher behinderter Frauen und Männer führte zu beeindruckenden Ergebnissen. Es wurde eine Ausstellung im Schloss Ambras speziell zu dem „Bildnis eines behinderten Mannes“ und seinem historischen und aktuellen Kontext realisiert. Es liegen zwei Publikationen vor, der Katalog zur Ausstellung und ein Sammelband mit den Forschungsberichten.[7] Ferner wurde Anfang dieses Jahres in 3sat ein Film zum Projekt gezeigt.

Aber schauen Sie bitte nochmals auf dieses außergewöhnliche „Bildnis eines behinderten Mannes“ (Es hat eine Originalgröße von 1 m 10 mal 1 m 35.) Welchen Eindruck haben Sie von dem Gesichtsausdruck des Mannes? Lächelt der Mann oder wird sein Mienenspiel raffiniert in der Schwebe gehalten? Der Forschungsbeitrag von Volker Schönwiese zu dem Bildnis beschäftigt sich mit dem Blick aus dem Bild genauso wie mit dem Blick auf das Bild.[8] Er problematisiert den transformatorischen Blick, der bei der Betrachtung des Mannes oft allein den Körper in den Vordergrund rückt. Dabei wandelt die Betrachtung die Behinderung in eine angebliche Aufforderung zu Mitleid um. Doch die Quintessenz des „Bildnisses eines behinderten Mannes“ liegt im Potenzial der Selbstdarstellung und in einer bildnerischen Präsenz des Selbstverständnisses.

Zusammenfassend gesagt, ist die wissenschaftliche Arbeit des zweiten Preisträgers des Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft bestimmt durch die Integration der Interessen der Betroffenen als Spiegelung der distanzierten Beobachterposition. Seit Jahren analysiert Volker Schönwiese die Fragen der eigenen Erfahrungen im Rahmen von Wissenschaft und Ethik. Die Realität verrät allerdings, dass im universitären Bereich sowohl Volker Schönwieses Ansatz der „aktivierenden Sozialforschung“ als auch seiner Person im Hinblick auf die Behinderung nur zögernd Kompetenz und Ernsthaftigkeit zugestanden wurden. Für das Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft ist jedoch Prof. Dr. Volker Schönwieses Widerstandsfähigkeit sowie sein Plädoyer für teilnehmende Forschung preiswürdig und lobenswert. (Herzliche Gratulation, lieber Volker!)


[2] Erwing Goffman: Stigma, Frankfurt a.M. 1967.

[4] Umberto Eco, in Carlo Maria Martini/Ders.: Woran glaubt, wer nicht glaubt?, Wien 1998, S. 82. Dies ist zugleich eine „soziale Situation“, die entsteht, wenn „ein Individuum in die Wirkzone eines anderen gelangt“. Erving Goffman, zit. nach Jürgen Raab: Erving Goffman, Konstanz 2008, S.61.

[5] In Christian Mürner / Susanne Schriber (Hrsg.): Selbstkritik der Sonderpädagogik? Stellvertretung und Selbstbestimmung, Luzern 1993, S. 163-178.

[6] siehe Volker Schönwiese: Selbstbestimmt lebeneine Herausforderung für die Professionellen? (8.Alsterdorfer Fachforum am 11.09.2003)

[7] Siehe Christian Mürner / Volker Schönwiese (Hrsg.): Das Bildnis eines behinderten Mannes. Ausstellungskatalog und Wörterbuch, Neu Ulm, 2006; Siehe Petra Flieger / Volker Schönwiese (Hrsg.): Das Bildnis eines behinderten Mannes, Wissenschaftlicher Sammelband, Neu Ulm 2007.

[8] Siehe Volker Schönwiese: Vom transformatorischen Blick zur Selbstdarstellung, in Petra Flieger / Volker Schönwiese (Hrsg.): Das Bildnis eines behinderten Mannes, Wissenschaftlicher Sammelband, Neu Ulm 2007.

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