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Freunde & Förderer

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Testimonial Röspel

René Röspel
René Röspel, Mitglied des Deutschen Bundestages
„Die wissenschaftsbasierten Stellungnahmen des IMEW besitzen in den wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Debatten zu Recht einen exzellenten Ruf. Ich habe für ethische Debatten im Bundestag Ihre Papiere auch deshalb immer mit großem Interesse gelesen.“

Was ist Bioethik? Zum wissenschaftlichen Selbstverständnis einer umstrittenen Disziplin

IMEW konkret, Erstausgabe Juni 2002

Online Version ISSN 1612-9997 © Copyright: IMEW

Der Begriff "Bioethik" wird mehrdeutig verwendet. Zum einen bezeichnet er ein Forschungsgebiet der angewandten Ethik, zum anderen ein höchst kontroverses Feld der Politik, in dem z.B. über die Unterzeichnung der "Bioethik-Konvention" oder die Zulässigkeit von Sterbehilfe, Präimplantationsdiagnostik und embryonaler Stammzellforschung gestritten wird. In diesem Zusammenhang wird der Bioethik als wissenschaftlicher Disziplin häufig Akzeptanzbeschaffung vorgeworfen. So stand kürzlich in einer Pflege-Zeitschrift, dass die Bioethik "die Eigengesetzlichkeit der Wissenschaft und Technik als gegeben" betrachte, sie "also nicht grundsätzlich in Frage" stelle, sondern "häufig nachträglich ethische Begründungen für das technisch bereits Machbare" liefere. (Pflege aktuell 4/2002)

Im Folgenden soll es jedoch nicht um diese politische Kritik gehen, sondern um die Geschichte und das wissenschaftliche Selbstverständnis der Bioethik als Disziplin.

Bioethik als Bereichsethik

Innerhalb der Ethik werden einerseits unterschiedliche Ethiktheorien (Utilitarismus, Kantische Ethik, Diskursethik, Tugendethik usw.) und andererseits verschiedene Bereichsethiken (Medizinethik, Umweltethik, Wirtschaftsethik, Medienethik usw.) unterschieden. Die Bioethik versteht sich in diesem Zusammenhang als eine Bereichsethik, in der mit verschiedenen theoretischen Ansätzen gearbeitet wird. Über ihren genauen Gegenstandsbereich besteht allerdings aus historischen Gründen Unklarheit:

Der Begriff "Bioethik" entstand vor 30 Jahren in den USA. Der Biologe und Krebsforscher Van Rensselaer Potter verwendete den Begriff 1970 als erster in einem Aufsatz für eine neue wissenschaftliche Disziplin, die eine Brücke zwischen biologischem Wissen und humanen Werten bauen sollte, um der Menschheit ein Überleben zu ermöglichen. Dabei hatte er vor allem die globale Umweltzerstörung im Blick.

Unabhängig davon prägten 1971 der Arzt und Entwicklungsphysiologe Andre Hellegers und seine Kollegen mit der Gründung des "Kennedy Institute for Human Reproduction and Bioethics" den Begriff im Sinne biomedizinischer Ethik. Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, dass Fragen der modernen Biomedizin von der traditionellen Medizinethik, die sich bis dahin auf Regeln und Codices der ärztlichen Berufspraxis beschränkte, nicht hinreichend erfasst werden. Ihnen ging es um einen verantwortlichen Umgang mit den neuen Möglichkeiten der biomedizinischen Forschung und Praxis. (Callahan 1995)

Die beiden Positionen verbindet die Ansicht, dass das wachsende Verfügungswissen der modernen Biowissenschaften mit der zunehmenden Notwendigkeit ethischer Reflexion einhergeht. Dabei verstehen die einen "Bioethik" als Bereichsethik der Biomedizin (Honnefelder 1996), die anderen allgemeiner der Biowissenschaften; sie schließen Tierethik und Umweltethik ein. (Gillon 1998)

Methoden der Bioethik

Innerhalb der Bioethik werden vor allem drei methodische Ansätze unterschieden und kritisch diskutiert:

1. Kasuistik: Die sogenannte Kasuistik geht von Präzedenzfällen aus, bezieht sich auf moralische Alltagsüberzeugungen und gesellschaftlich etablierte Praktiken, zieht Ähnlichkeiten und Unterschiede zu Vergleichsfällen heran und versucht auf diesen Grundlagen zu plausiblen ethischen Urteilen zu gelangen. (Jonsen/Toulmin 1988)

Ein Beispiel wäre die kürzlich vor dem Europäischen Gerichtshof abgelehnte Klage der Britin Diane Pretty auf aktive Sterbehilfe durch ihren Mann. Diese Entscheidung wurde teilweise als gefühllos und inhuman präsentiert und daraus ein allgemeines Recht auf Sterbehilfe abgeleitet. Auf diese Weise gewonnene ethische Urteile halten allerdings kritischen Nachfragen oft nicht stand. Durch die rhetorische Präsentation der Fälle werden häufig strittige moralische Überzeugungen verdeckt. Über die Perspektive und über die für relevant erachteten Aspekte können subjektive Wertungen einfließen, ohne dass diese offen benannt werden. Außerdem können die Folgen für andere aus dem Blick geraten, wenn Einzelfälle isoliert betrachtet werden – wie hier die gesellschaftlichen Folgen einer Freigabe der Sterbehilfe.

2. Theorieanwendung: Die hierzu entgegengesetzte Methode geht nicht von Einzelfällen, sondern von einer Ethiktheorie aus und wendet diese „stur“ auf ethische Fragestellungen an. Das wohl prominenteste Beispiel hierfür ist der Präferenzutilitarismus von Peter Singer. Sein Grundprinzip für die ethische Urteilsbildung, das er nicht weiter begründet, ist die Maximierung von Glück. Die Glücksumme wäre dann am größten, wenn die Interessen oder Präferenzen der betreffenden Personen zusammengerechnet optimal verwirklicht wären. Innerhalb seines Ansatzes kommt er so zwar zu rationalen Urteilen, die jedoch selbst ethisch problematisch sind. Das liegt v.a. daran, dass nur „Lebewesen“ berücksichtigt werden, die als „Personen“ gelten, weil sie Präferenzen haben oder artikulieren können. Dazu zählen höher entwickelte Tiere, während bspw. Neugeborene oder Menschen mit schweren geistigen Behinderungen ausgeschlossen werden. (Singer 1994)

Singer ist zwar der bekannteste Bioethiker, nicht aber der Vertreter der Bioethik. Innerhalb der Bereichsethik „Bioethik“ sind auch viele andere Ethiktheorien vertreten. Nun gibt es Unterschiede zwischen den ethischen Ansätzen. Alle Ethiktheorien können aber zu kritikwürdigen Urteilen kommen, wenn die Sensibilität für den Einzelfall und den gesellschaftlichen Kontext fehlt.

3. Vier-Prinzipien-Modell: Der im angelsächsischen Raum verbreitetste Ansatz von Beauchamp und Childress versteht sich als Mittelweg zwischen den beschriebenen "bottom up" und "top down" Modellen. Er geht davon aus, dass die vier Prinzipien Autonomie, Wohltätigkeit, Nichtschädigung und Gerechtigkeit ein konsensfähiges, praktikables Modell für die ethische Urteilsbildung abgeben, da sie mit den Grundlagen verschiedener Ethiktheorien vereinbar seien. (Beauchamp/Childress 1994)

An diesem Modell wurde zurecht kritisiert, dass nicht einleuchtend sei, warum gerade die vier Prinzipien verwandt werden; sie seien darüber hinaus unterschiedlich interpretierbar und sie könnten miteinander in Konflikt geraten. Außerdem zeigt sich vielfach, dass auch die "sture" Anwendung der Prinzipien willkürlich oder vereinfachend sein kann.

Kritische Bioethik?

Deutlich wird an dieser Methodendebatte, dass keiner der drei Ansätze alleine zu befriedigenden Ergebnissen führt. Die ethische Begründung von Handlungsregeln und Beurteilungsmaßstäben ist unverzichtbar. Dies gilt auch für die kontext-sensitive Fall- oder Situationsbetrachtung und für die Berücksichtigung der Perspektive aller Betroffenen. Anderenfalls kann einer ethischen Position immer Willkür oder Einseitigkeit unterstellt werden. Außerdem kann Ethik gar nichts anderes sein als Akzeptanzbeschaffung, wenn der Lauf der Dinge für unanfechtbar gehalten wird. Kritik ist grundsätzlich nur möglich, sofern die faktischen Verhältnisse als veränderbar begriffen werden.

Ob das so skizzierte Unternehmen unbedingt "Bioethik" heißen muss, kann allerdings bezweifelt werden.

Sigrid Graumann

Literatur:

  • Beauchamp, Tom / Childress, James (1994): Principles of Biomedical Ethics. New York: Oxford University Press.
  • Birnbacher, Dieter (1993): Welche Ethik ist als Bioethik tauglich? In: Ach, Johann S. / Gaidt, Andreas (Hrsg.), Herausforderung der Bioethik. Stuttgart: Fromann-Holzboog, S. 45-67.
  • Braun, Kathrin (2000): Menschenwürde und Biomedizin. Frankfurt: Campus.
  • Callahan, Daniel (1995): Bioethics. In: Reich, Warren (Hrsg.), Encyclopedia of Bioethics. New York: McMillan.
  • Clouser, K. Denner / Gert, Bernart (1990): A Critique of Principlism. In: Journal of Medicine and Philosophy 15, S. 219-236.
  • Engelhardt, Tristam (1986): The Foundations of Bioethics. New York: Oxford University Press.
  • Gillon, Raanan (1998): Bioethics, Overview. In: Chadwick, Ruth (Hrsg.), Encyclopedia of Applied Ethics. San Diego: Academic Press.
  • Honnefelder, Ludger (1996): Bioethik im Streit. In: Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik 1, Berlin: De Gruyter, S. 73-86.
  • Jonsen, Albert / Toulmin, Stephen (1988): The Abuse of Casuistry: A History of Moral Reasoning. Berkeley: University Press.
  • Korff, Wilhelm (1998): Einführung in das Projekt der Bioethik. In: ders. (Hrsg.), Lexikon der Bioethik. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.
  • Potter, Van Rensselaer (1971): Bioethics. Bridge to the Future. Engle Wood Cliffs N.J.
  • Rehmann-Sutter, Christoph (2002): Bioethik. In: Düwell, Marcus / Hübenthal, Christoph / Werner, Michael (Hrsg.), Handbuch der Bioethik. Stuttgart: Metzler.
  • Singer, Peter (1994). Praktische Ethik. Stuttgart: Reclam.

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