zum Seiteninhalt springen

Freunde & Förderer

Freunde & Förderer

Testimonial Rehmann-Sutter

Christoph Rehmann-Sutter, Professor für Theorie und Ethik der Biowissenschaften
Christoph Rehmann-Sutter, Professor für Theorie und Ethik der Biowissenschaften
Das IMEW arbeitet an einer wahrnehmungsfähigen biomedizinischen Ethik ... (mehr)

Zwei Ziele, eine Methode - die Auseinandersetzung um das Klonen

IMEW konkret Nr. 4, Juli 2003
Online Version ISSN 1612-9997 © Copyright: IMEW

Jeder Mensch ist ein Original. Bisher jedenfalls. Seit der Geburt des Klon-Schafes Dolly im Jahr 1996 steht fest, dass es prinzipiell möglich ist, genetische Kopien zu schaffen. Dolly steht mittlerweile ausgestopft in einem schottischen Museum, doch die Debatte um das Klonen nimmt kein Ende. Können, dürfen, wollen wir Menschen klonen? Ist das eine "künstliche Form der Unsterblichkeit", wie der US-Wissenschaftler Richard Seed meint? Führt es zur Perfektionierung des Menschen? Oder zur Zerstörung der Individualität? Ist das Klonen gar ein Schlüssel zur Heilung schwerer Krankheiten? Oder verletzt es die menschliche Würde? Was sich manchen als große Hoffnung darstellt, ist für andere ein Trugbild und eine Horrorvision.

Das Verfahren

Wie funktioniert Klonen? Im Kern jeder Körperzelle steckt derselbe vollständige Satz an Chromosomen, den Trägern des Erbgutes. Beim Klonen wird einer beliebigen Körperzelle der Zellkern entnommen und in eine befruchtete Eizelle eingeschleust, deren Kern zuvor entfernt wird. Die Eizelle mit dem neuen Erbgut entwickelt sich zu einem Embryo, der in eine Gebärmutter eingepflanzt werden kann. Das geklonte Lebewesen entspricht genetisch dem Spender des ursprünglichen Zellkerns. Bei der geschlechtlichen Fortpflanzung verschmelzen Ei- und Samenzelle miteinander, und aus der Vermischung mütterlicher und väterlicher Erbanlagen entsteht ein genetisch einzigartiges Individuum. Der Klon hingegen hat nur einen Elternteil. Er ist eine genetische Kopie. Nicht ganz allerdings, denn auch außerhalb des Zellkerns sind kleine Mengen an Erbgut vorhanden. Sie werden durch die Eizelle an den Klon weitergegeben.

Das Klonen gelingt bislang nur im Tierversuch. Genauer gesagt: Es gelingt in den meisten Fällen nicht. Denn nur bei einem kleinen Prozentsatz der Klonversuche entwickelt sich ein lebensfähiges Tier. Die meisten Embryonen gehen auf einer frühen Entwicklungsstufe zugrunde. Die wenigen geborenen Tiere sind zumeist schwer krank, sie leiden unter anderem an Herz- und Lungenschäden, Übergröße, Arthritis, Fettsucht und Krebs. Dolly wurde erst nach 276 gescheiterten Versuchen geboren. Und das berühmte Schaf starb nicht ohne Grund so früh: Die Chromosomen tragen eine Art Lebensuhr. Den Klonen wird gewissermaßen die fortgeschrittene Lebensuhr des Zell-Spenders mitgegeben. Sie sind schon alt, wenn sie geboren werden. Klonen ist eher ein Weg zu früh auftretenden Altersgebrechen als zur Unsterblichkeit.

Beim Klonen ist also der Erfolg die Ausnahme, der Misserfolg die Regel. Das gilt vor allem für das so genannte reproduktive Klonen. Den meisten Wissenschaftlern geht es jedoch bei der Anwendung auf den Menschen um etwas anderes: Die Verheißung heißt "therapeutisches Klonen". Dabei wird der Embryo im Gegensatz zum "reproduktiven Klonen" nicht in eine Gebärmutter eingesetzt, sondern ihm werden nach wenigen Tagen Stammzellen entnommen. Aus diesen "Alleskönnern" lassen sich verschiedene Arten von Gewebe züchten, z.B. Nerven- oder Lebergewebe. Patienten mit Krankheiten wie Alzheimer oder Diabetes sollen durch "maßgeschneidertes" Gewebe geheilt werden. Wenn die Ausgangszelle vom Patienten stammt, kommt es nicht zu Abstoßungsreaktionen.

Ob zur Erzeugung geklonter Kinder oder zur Gewebezucht - geklont wird in beiden Fällen. Doch die zwei Arten des Klonens erfahren sehr unterschiedliche Bewertungen. Das reproduktive Klonen von Menschen stößt auf fast einhellige Ablehnung. Reproduktionsmediziner, die Menschen klonen wollen, gelten den meisten Wissenschaftlern als Schaumschläger, Scharlatane oder Verbrecher.

Moderne Sklaverei?

In der Tat spricht kaum etwas für das reproduktive Klonen, aber viel dagegen. Der italienische Mediziner Severino Antinori beispielsweise will mit Hilfe des Klonens unfruchtbaren Paaren zum Nachwuchs verhelfen. Doch dafür gibt es auch weniger fragwürdige Wege, zum Beispiel eine Adoption. Vor allem Naturwissenschaftler betonen die praktischen Schwierigkeiten beim Klonen von Menschen. Es sei demnach unverantwortlich, weil die Klone mit schweren gesundheitlichen Schäden auf die Welt kämen, wie bei den geklonten Schafen, Ziegen, Kühen und anderen Tieren. Ian Wilmut, der "Schöpfer" von Dolly, wird nicht müde, das reproduktive Klonen von Menschen deshalb als "inhuman" und "kriminell" zu geißeln. Vielen naturwissenschaftlichen Kritikern unterläuft dabei jedoch der Fehler, geklonten Embryonen das Lebensrecht abzusprechen, weil sie sich ohnehin nicht zu "normalen" Menschen entwickeln könnten. Damit argumentierte z.B. der Biologe Rudolf Jaenisch auf der Klonkonferenz des Bundesforschungsministeriums im Mai 2003 gegen das reproduktive und für das therapeutische Klonen. Richtig ist zwar, das Klonen unter Bezug auf das Nichtschädigungsprinzip abzulehnen. Falsch dagegen wäre, geklonten Embryonen - existieren sie erst einmal - weniger Schutzansprüche zuzugestehen als nicht geklonten. Eine solche Unterscheidung zwischen "normalen" und "geschädigten" Embryonen würde das Gleichheitsgebot verletzten.

Vor allem aber: Gilt der Einwand der technischen Grenzen auch noch, wenn die Erfolgsquote sich entscheidend verbessert? Ist das Klonen dann wünschenswert? Die meisten Ethiker argumentieren grundsätzlich dagegen: Der Philosoph Jürgen Habermas betont, dass einem Klon die Offenheit seiner Zukunft und ein Teil seiner Freiheit geraubt würde. Denn er hätte stets ein Vorbild vor sich, an dem er gemessen würde. Was sonst der natürliche Zufall schafft, wäre beim Klonen das Ergebnis zielgerichteter Handlungen. Für Habermas wäre der Klon damit eine Art Sklave.

Bei der Ablehnung des reproduktiven Klonens sind sich trotz unterschiedlicher Argumente zurzeit fast alle einig. Die Geister scheiden sich am therapeutischen Klonen. Während manche davon die Heilung schwerkranker Menschen erhoffen, kritisieren andere es als Verletzung der Menschenwürde. Schon der Begriff ist umstritten: Von therapeutischem Nutzen kann für den geklonten Embryo keine Rede sein - er überlebt die Entnahme seiner Stammzellen nicht. Der Tübinger Ethiker Dietmar Mieth hält den Begriff für eine geschickte Wortschöpfung, die einen medizinischen Nutzen vorgaukelt, wo bisher keiner ist. Er spricht deshalb lieber von "Forschungsklonen".

Töten um des Lebens Willen?

Was wiegt schwerer: die mögliche Heilung kranker Menschen oder die gezielte Vernichtung menschlichen Lebens? Dürfen wir absichtlich menschliche Embryonen herstellen, um sie zu zerstören? Bei diesen Fragen scheint nur ein Ja oder Nein möglich zu sein, aber kein Kompromiss. So vehement der Klonforscher Ian Wilmut vor dem reproduktiven Klonen warnt, so entschieden spricht er sich für das therapeutische Klonen aus. Moralische Probleme sieht er dabei nicht: "Embryonen sind keine Kinder. Und daher ist es richtig, Forschung an ihnen zu erlauben." Dagegen wendet Mieth ein, dass das eine menschliche Leben nicht einem anderen geopfert werden dürfe: "Der gute Zweck heiligt kein schlechtes Mittel."

Einer weiteren Frage müssen sich die Befürworter therapeutischen Klonens stellen: Bei der geringen Erfolgsrate bedarf es einer großen Zahl an Eizellen - woher sollen die kommen? Kritiker befürchten, dass ein reger Eizell-Handel entsteht. Gerade ärmere Frauen könnten sich dazu gezwungen sehen, Eizellen zu verkaufen und dafür eine gesundheitlich riskante Behandlung über sich ergehen zu lassen. Die Politologin Ingrid Schneider sieht die Gefahren, dass Frauen zu "Auftragslieferantinnen" von Eizellen für kranke Familienangehörige werden könnten und dass es zu einer "Kommerzialisierung des weiblichen Körpers" kommen könnte. Diese Befürchtung wäre allerdings überholt, wenn sich brauchbare Eizellen ohne Eizellspende herstellen ließen, zum Beispiel aus Stammzellen.

Auch wenn man das therapeutische Klonen an sich für unproblematisch hält, bleibt die Gefahr, dass es den Weg zum reproduktiven Klonen ebnet. Denn das Verfahren ist dasselbe, nur die Ziele unterscheiden sich. Regine Kollek, stellvertretende Vorsitzende des "Nationalen Ethikrates", spricht von einer "Türöffnerfunktion" für das reproduktive Klonen und plädiert deshalb für ein umfassendes Klonverbot. Ein solches existiert bereits in Deutschland. In manchen Ländern ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt. Es ist deshalb die Frage, ob und wie auf internationaler Ebene ein Konsens zu erreichen ist.

Roland Kipke

Dies ist die veränderte Version des Artikels "Keine Kompromisse", erschienen in MENSCHEN. das magazin, Ausgabe 2/2003. Mit freundlicher Genehmigung von Aktion Mensch e.V.

Literatur

  • Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften (2003): Klonen beim Menschen, Dossier, Bonn.
  • Habermas, Jürgen (1998): Genetische Sklavenherrschaft? Moralische Grenzen reproduktionsmedizinischer Fortschritte. In: Die postnationale Konstellation. Politische Essays, Frankfurt am Main 1998, S. 243-247.
  • Kollek, Regine (2003): Manche Wünsche sollten besser auch in Zukunft unerfüllt bleiben, Interview mit Regine Kollek. Das Parlament, Nr. 6-7, 2003, S. 3.
  • Mieth, Dietmar (2001): Moral muss geduldig sein. Die Tageszeitung Nr. 6369 vom 10.2.2001, S. 11.
  • Schneider, Ingrid (2001): Embryonale Stammzellforschung - eine ethische und gesellschaftspolitische Kritik. In: Sigrid Graumann (Hrsg.), Die Genkontroverse, Freiburg im Breisgau, S. 128-147.
  • Wilmut, Ian (2003), zit. nach: Klonen von Menschen wäre 'kriminell', Bericht. In: URL: science.orf.at/science/news/7745, 30. Juli 2003.
  • Wilmut, Ian (2003): Der Vater von Dolly will nun therapeutisch klonen, Interview mit Ian Wilmut. In: URL: www.welt.de/daten/2001/03/07/0307ws227739.htx, 30. Juli 2003.

Die Deutsche Bibliothek hat die Netzpublikation "IMEW konkret" archiviert. Diese ist dauerhaft auf dem Archivserver der Deutschen Nationalbibliothek verfügbar.

Seitenanfang


© 2008 | IMEW - Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft
www.imew.de