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Laudatio für Professorin Dr. Eva Feder Kittay

Prof. Dr. Dietmar Mieth, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates des IMEW

Zur Verleihung des ersten IMEW-Preises am 23. Oktober 2006 in der Urania, Berlin

Verehrte Frau Kittay, verehrter Herr Kittay, meine Damen und Herren,

Frau Kittay ehren wir nicht für eine einzelne Leistung, sondern für Ihr Werk zur Care Ethik, in welchem sie sich besonders der Problematik kognitiv behinderter Menschen annimmt. Dieses Werk ist von einer Grunderfahrung getragen, welche wiederum ihrer philosophischen Sicht ein besonderes Profil gibt. In der folgenden kurzen philosophischen Laudatio versuche ich, Frau Kittay in einen Kontext der Besinnung über die Einschränkungen eines fürsorglichen Diskurses zu stellen.

Der bekannte jüdische Philosoph Emmanuel Lévinas geht von der zentralen These aus:

"Das absolute Andere ist der Andere."

Er erläutert diese These mit folgenden Überlegungen:

"Das Antlitz (des anderen, D.M) ist anwesend in seiner Verweigerung, enthalten zu sein … Die Andersheit des Anderen hängt nicht von irgendeiner Qualität ab, die ihn von mir unterscheidet, denn eine Unterscheidung dieser Art würde genau diese Artgemeinschaft zwischen uns beinhalten, welche bereits von vorneherein die Andersheit annulliert … Der Andere bleibt unendlich transzendent, unendlich fremd … Die Tatsache, dass das Antlitz durch das Gespräch (durch die Sprache? "par le discours" eine Beziehung zu mir unterhält, erlaubt uns nicht, es als das Gleiche zu betrachten."

(Totalité et infini, zuerst 1961, Paris 1990, 28 und 211 ff, eig. Übersetzung)

In dieser Nichtintegrierbarkeit des anderen Menschen steckt eine Übertragung der theologischen Idee der Nichtintegrierbarkeit Gottes auf den anderen Menschen oder auf den anderen als Person schlechthin. Hatten noch spätmittelalterliche Denker wie Meister Eckhart und Nikolaus Cusanus gesagt, Gott sei "alius, non aliud", ein Anderer, aber nicht etwas Anderes, dann hatten sie diese radikale Unterscheidung wie Lévinas mit einer Gemeinsamkeit verbunden, die bei ihnen durch das Sein, bei Lévinas durch die Sprache hergestellt wird. (Bei den mittelalterlichen Denkern ging es auch um die Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz, die Lévinas ausarbeitet.

Die Absolutheit des transzendent Anderen steckt noch im jüdisch-islamischen Bilderverbot für das Göttliche; Lévinas hat ihr eine anthropologische Wendung gegeben, für welche sich auch andere Zeugen finden lassen, welche gegen die Gewalt ankämpfen, den Anderen dem Bilde nach zu formen, das man sich von ihm macht, oder nach dem Entwurf, in welchen man ihn einpassen will.

Bertolt Brecht sagt dies prägnant durch den kurzen Dialog: Wenn Herr K. einen Menschen liebte: "Was tust du", wurde Herr K. gefragt, wenn du einen Menschen liebst?" "Ich mache einen Entwurf von ihm", sagte Herr K, "und sorge, dass er ihm ähnlich wird." "Wer, der Entwurf?" "Nein", sagte Herr K., "der Mensch". (Gesammelte Werke, ed. suhrkamp, 1967, Bd. 12, 386)

Judith Butler hat in ihrer "Kritik der ethischen Gewalt" (Frankfurt 2003) darauf aufmerksam gemacht, dass wir vom Subjekt verantwortlichen Handelns eigentlich nur im Sinne eines "fragilen und fehlbaren Subjektes", "charakterisiert eher durch seine Grenzen als durch seine Souveränität" sprechen können und dass wir ihm eben die "ethische Gewalt" antun, wenn wir dies außer Acht lassen. Und da heißt, wenn wir das Subjekt und seine Fähigkeit zur Selbstbestimmung unabhängig von den Bedingungen seines Werdens in die Sprache ethischer Unhintergehbarkeit einbringen.

Klaus Dörner macht in seinem Beitrag "Das Menschenbild der biotechnischen Medizin" (Ethik und Behinderung, 2004, 154-162) noch auf eine andere, meist ebenfalls in ihrem Ausmaß unbeachtete, Einschränkung aufmerksam: auf die institutionelle Gewalt, die sich therapeutisch, pädagogisch, sozialtechnisch und administrativ wie ein zweiter Körper oder wie eine behindernde Rüstung um uns schmiegt. Um die Fürsorgenden, aber insbesondere auch um die behinderten Personen selbst.

Hille Haker zitiert in ihrem Beitrag "Das Selbst als eine Andere", in welchem sie einen Titel des Philosophen Ricoeur, der sich mit Erinnern und Erzählen beschäftigt, feministisch abwandelt und mit einer Interpretation zu Uwe Johnson unterbaut, eine wichtige Beobachtung des ersten Verfechters einer Anthropologie der Narrativität, Wilhelm Schapp:

"Unser vergangenes Leben steht über die Geschichten der Vergangenheit... ständig in der Weise des Horizontes um uns, ohne dass es uns auch nur möglich ist, aus dieser geschichtlichen Welt den Kopf zu erheben, um sie von außen anzusehen. Wir sehen sie immer nur so, wie der Kopf seinen Körper sieht, den Körper, zu dem er selbst gehört."

(In Geschichten verstrickt, zuerst 1953; 3. Aufl. Frankfurt 1985, 127, vgl. Hille Haker, Das Selbst als eine Andere, in: Michael Hofmann, Hrsg., Johnson-Jahrbuch, Göttingen 2005, 157-172).

Die Einschränkung liegt also nicht nur in der Andersheit des anderen, sondern auch in der geschichtlichen und gesellschaftlichen Bindung, die in unserer Selbsterfahrung zum Ausdruck kommt. "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst." Das sind die Leitworte des Philosophen Ernst Bloch.

Ich habe diese philosophischen Beobachtungen über die mehrfache Einschränkung des Diskurses zwischen Selbst und Anderem hier deshalb an den Anfang gestellt, weil unsere heutige und zugleich erste Preisträgerin des IMEW-Preises, Frau Professorin Eva Feder Kittay, mit wissenschaftlicher Akribie - und mit traumhafter Sicherheit in der Darstellung - diese mehrfache Einschränkung des Diskurses gerade im Blick auf die Care-Ethik und auf den Diskurs mit Behinderten verbürgt.

Ich meine, dies ist der wissenschaftliche und zugleich auch der moralische Grund, weshalb wir Frau Kittay diesen Preis mit großer Überzeugung und ebenso großer Bewunderung verleihen.

Und ich bin überzeugt, dass sie diesen Grund mit ihren Ausführungen, die noch folgen werden "A Quest for a Humbler Philosophy", glänzend bestätigen wird. Denn die Bescheidenheit, auch die "humilitas", die darin steckt, ist nicht nur eine persönliche Haltung sondern auch eine wissenschaftliche Vorgabe für diese Art des Denkens.

Es ist uns bewusst, dass wir in Eva Feder Kittay auch eine exzellente akademische Laufbahn (seit 1974) und ein vielseitiges Schaffen, sozialwissenschaftliche und ethische Reflexionen von Rang, ausgestattet mit einem deutlichen Profil sowie mit einem praktischen Engagement als Beraterin ehren. Dies hat sie mit ihrem Beitrag zu dem im Campus Verlag 2004 veröffentlichten Berliner IMEW Symposium "Behinderung und das Konzept der Care Ethik" (hrsg. von Sigrid Graumann u.a., Ethik und Behinderung, 67-80) unter Beweis gestellt. Auch darin finden sich die Elemente, die ich eingangs angesprochen habe und, bezogen auf die zu ehrende Kollegin, kurz ausführen möchte:

Erstens das Element der Reflexion über das eigene Selbst, das da spricht und selbst in den prekären Zusammenhang von Selbstbestimmung und Abhängigkeit, von Anerkennung und Fürsorge, gehört, dem es sich nachdenklich nähert. Kopf und Körper gehören zusammen. Es immer ein Selbst, das sich der eigenen Geschichte, des eigenen Geschlechtes und der spezifischen sozialen Kontexte bewusst ist, das deshalb nicht als auktoriales Selbst (wie ein allwissender Erzähler, der alles der Konstruktion seiner Geschichte unterwirft) auftritt.

Zweitens das Bewusstsein der uneinholbaren, von Lévinas "infinit" genannten Differenz, die in der Andersheit - nicht etwa im Andersein, bezogen auf die Gattung - des Menschen zum Ausdruck kommt, zunächst jedes Menschen, aber, was leicht übersehen wird, insbesondere auch des Menschen, dem die Fürsorge gilt und der sich der Klassifikation, der Numerierung, der Integrierung und der Institutionalisierung entzieht. Es gibt bei Frau Kittay in allen Büchern und Essays nicht den "internierten" Anderen oder die "internierte" Andere. Das äußere Subjekt wird nicht von einem innerlich vorgestellten aufgesogen. Es gibt kein invasives Mitleid, das Andere verletzt. Behinderte dürfen, mitten in ihrer Abhängigkeit, zu sich selbst kommen und werden nicht als jene Selbste erwartet, die eine abstrakte Ethik konstruiert bzw. für ihre Konstruktion voraussetzt. Der Konstruktionszwang der Ethik wird erst in einer Care-Ethik für sich selbst reflexiv.

Drittens: Diese Art der Differenz und ihrer Anerkennung darf aber nicht auf den Diskurs über Rechte, etwa über Behindertenrechte übertragen werden, weil hier für die Behinderten, so sehr sie andere bleiben und so sehr der oder die Fürsorgende ihnen gegenüber der Andere bleibt, die zitierte theologisch erarbeitete Dialektik gilt. Da heißt: bei aller Andersheit gilt in den Rechten nichts Anderes.

Viertens die Narrativität, wie sie Wilhelm Schapp angesprochen hat. Professorin Kittay benutzt das Erinnern und Erzählen nicht einfach zur Illustration. Es hat seinen eigenen Stellenwert, nicht nur, wenn sie etwa von ihrer behinderten Tochter erzählt. Denn es ist ein hermeneutischer Schlüssel des eigenen Denkens und der sozialen Bindung, wie man "in Geschichten verstrickt" ist und wie die sich in Geschichten herausbildende moralische Erfahrung als Brücke über dem Graben zwischen prinzipieller und kontextueller Moral eignet. Denn die kontextuelle Moral, wie sie in Geschichten erscheint, zeigt die Komplexität, nach Lévinas die Unendlichkeit des Ganzen, auf und stellt sie einem reduktiven "Moral Point of View", der die eigene Neutralität und Unbetroffenheit markieren und garantieren soll, gegenüber. Dazu ist das Erzählen geeigneter als die begriffliche Konstruktion.

Fünftens, das Erspüren von Fragilität und Verletzlichkeit im eigenen und im fremden Selbst. Vielleicht kann man das auch die Reflexivität des Fühlens, gleichsam das Fühlen des Fühlens, nennen, eine Wiederholung des Fühlens auf metaphorischer Ebene, eine Ebene, mit der sich unsere Preisträgerin in einem ihrer Bücher ausdrücklich und kompetent beschäftigt hat. (Vgl. Metaphore - Its Linguistic Structure and Its Cognitive Force, Oxford 1987)

In der Begründung der Verleihung des Preises heißt es:

"Mit der Preisvergabe an Professorin Eva Feder Kittay soll auch der besondere Ansatz des IMEW in der Öffentlichkeit gestärkt werden."

Indem ich also die wissenschaftlichen Anliegen der Preisträgerin hervorhebe, habe ich zugleich die Anliegen des "Institutes Mensch, Ethik, Wissenschaft" umrissen.

Es ist nicht eine einzige besondere Leistung Eva Feder Kittays, sondern ihre ganze Arbeit, die mit der Preisvergabe ausgezeichnet werden soll. Ich füge, Ihrer Zustimmung, meine Damen und Herren, gewiss, hinzu: es ist der ganze Mensch, den wir hier ehren.

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